Nach Ruoqiang verlässt die Strasse das Tarim-Becken und
damit die Taklamakan-Wüste. Über einen Pass in 3'588 m Höhe gelangt man nach
Mangya in der Provinz Qinghai. Die ganze Strecke ist eine grosse Baustelle über
mehr als hundert Kilometer. Es werden sowohl eine Autobahn als auch eine
Eisenbahnlinie gebaut. Das Hochplateau von Mangya ist gespickt mit
Ölförderanlagen und Windparks. Die gewonnene Energie wird mit
Hochspannungsleitungen über die Pässe in den bevölkerungsreichen Osten
geleitet, während das Öl mittels Pipeline und auf der Strasse abtransportiert
wird. Das Hotel in Huatugou hiess auch entsprechend Petroleum und roch danach.
Von dort führte die Strasse weiter durch die Wüste mit vielen überraschenden
und malerischen Abschnitten über einen letzten hohen Pass von 3'648 m in die
nächste Wüste, Gobi. Die Unterkunft fanden wir in Dunhuang, einer grossen
Oasenstadt mit touristisch-moderner Prägung. Wie schon in Kashgar bescherte
unser Besuch auch diese Wüstenstadt mit heftigen Regenschauern! Hauptattraktion
dieses Ortes sind buddhistische Grotten mit ausgezeichnet erhaltenen Fresken
aus verschiedenen Epochen, die ältesten über 1'500 Jahre alt. Leider ist das
Fotografieren zum Schutz der Bilder streng verboten, sodass ich keine Dokumente
mitliefern kann. Nach einem weiteren Regenguss liessen wir es uns nicht nehmen,
auf dem Rücken eines Kamels die Wüste zu erkunden. Wir waren nicht die einzigen!
Wie in einem Karussell reihten sich gegen 1000 Tiere mit Reiter zu einer nicht
abreissenden Karawane. Trotzdem hatten wir riesig den Plausch, auf dem
schwankenden Kamel durch die Dünen zu streifen.
Mittwoch, 25. Juli 2018
Tianshui und Xi’An Xi’An, 25.7.18
Diese Stadt ist das offizielle Ende, bzw. der Anfang der
Seidenstrasse. Über mehr als 1000 Jahre war Xi’An die Hauptstadt des
Chinesischen Kaiserreiches. Der erste Kaiser, welche das ganze Reich einigte,
schuf für seine Ewigkeit das berühmte Grabmal mit der Terracotta-Armee, welche
1974 durch Zufall beim Graben eines Sodbrunnens durch Bauern entdeckt wurde. Seit
1979 ist diese in 3 je fussballplatz-grossen Hallen konserviert und zu
besichtigen. Tausende von Tonfiguren in Lebensgrösse stehen in Reih und Glied,
keine ist gleich wie die andere, jede hat einen anderen Gesichtsausdruck oder
eine andere Frisur oder ist anders bewaffnet. Offiziere verschiedenen Ranges
können unterschieden werden. Noch längst sind nicht alle ausgegraben (4500
ausgegraben, 5000 noch nicht). Dies ist auch nicht beabsichtigt, da die Farben
sehr rasch ausbleichen und so für die Zukunft verloren gehen. Dies ist jedoch
nicht die einzige Sehenswürdigkeit dieser Stadt, die einst in der zweiten
Hälfte des ersten Jahrtausends unserer Zeitrechnung die grösste Stadt der Welt
mit über einer Million Einwohner gewesen sein soll. Noch immer ist die Stadtmauer
in ihrer ganzen Länge von 13.4 km erhalten. Heute haben wir sie am Morgen per
Velo abgeradelt, schon zu dieser frühen Stunde war die Hitze beträchtlich. Zum
Glück lockten am Ende dieser beeindruckenden Tour ein kühles Bier und ein
geeister Cappuccino. Als Ausgangspunkt der Seidenstrasse verfügt Xi’An über
eine grosse muslimische Kolonie mit einem eigenen Viertel und über die grösste
Moschee auf chinesischem Boden. Allerdings unterscheidet sie sich vollständig
von den Gebetshäusern weiter westlich und ist kaum von Tempelbauten
buddhistischer Prägung zu unterscheiden. Auch das Minarett gleicht einer
kleinen Pagode.
Auf dem Weg nach Xi’An übernachteten wir in Tianshui, eine
beschauliche Kleinstadt von etwa 2 Mio Einwohnern welche aber mit einem
grossartigen buddhistischen Höhlenkomplex aufwarten kann. In schwindliger Höhe
kleben die Skulpturen und Fresken buchstäblich an der Felswand und können nur
über schwindelerregende Treppen erreicht werden. Glücklicherweise hielten sie
dem nicht abreissenden Strom von chinesischen und wenigen ausländischen
Touristen schadlos stand! Ebenfalls vor den Toren von Xi’An konnten wir auf dem
Hinweg Gräbern aus der Zeit der Han-Kaiser (ca 200 v.Chr. bis 200 n.Chr.) einen
Besuch abstatten. Sie sind im gleichen Stil wie jenes von Qin Shihuangdi
aufgebaut, allerdings nur mit Figuren zu einem Drittel der natürlichen Grösse. Trotzdem
waren diese Gräber ebenfalls sehr beeindruckend und ausgezeichnet konserviert.
Zusätzlich durften wir in einer gesonderten Ausstellung in der Stadt die bei
idealen Bedingungen konservierten Fresken aus diesen Grabmälern besichtigen,
welche ausgezeichneten Einblick in das Hofleben der damaligen Zeit geben, sei
es auf der Jagd, beim Polospiel oder bei festlichen Aufzügen.
Morgen wendet sich der Weg nach Norden bis nach Datong.
Danach ist es noch einen Tagesweg nach Beijing, wo nach 2 Monaten Reise und
mehr als 15'000 km der Abschied von unserer Reisegruppe wartet. Diese war trotz
verschiedener Charaktere recht harmonisch und ausgeglichen. Besonders hat uns
gefreut, dass alle Zeiten genau eingehalten wurden und fast nie auf Nachzügler
gewartet werden musste.
Binglingsi und Labrang Xiahe, 21.7.2018
Nach den ausgedehnten Wüstendurchquerungen betraten wir seit
Lanzhou eine völlig neue Welt. Das Wasser fliesst im breiten Strom Huang Che
(Gelber Fluss) und als Regen vom Himmel im Überfluss! Lanzhou gilt als die
Stadt der Welt mit der grössten Luftverschmutzung, allerdings hatten wir Glück,
der Regen und der Wind hatten bei unserer Ankunft allen Smog weggefegt und die
goldene Abendsonne verbreitete eine friedliche Stimmung über dem Hochwasser
führenden Fluss. Am Freitag hingegen war der Himmel den ganzen Tag verhangen
und Regen begleitete uns auf dem Weg nach Xiahe. Das tat aber dem Erlebnis auf
einem grossen Stausee mit 2-stündiger Fahrt zu den verborgenen Grotten von
Binglingsi keinen Abbruch. Im Gegenteil, diese waren noch viel geheimnisvoller
in ihrer Abgeschiedenheit. Dieser Abgeschiedenheit und der frühen Unterstellung
unter Denkmalsschutz ist es auch zu verdanken, dass sie der Zerstörungswut der
Roten Garden entgingen. Diese wüteten während der sogenannten Kulturrevolution
aufs Schlimmste und zerstörten grosse Teile des huldigten. Sie sind es, die
heute bei uns das grosse Wort in kulturellen Dingen schwingen. Binglingsi liegt
wie beschrieben am Ende eines grossen Stausees am Huang Che und stammt zum
grössten Teil aus der Zeit von 400 bis 800 unserer Zeitrechnung. Die Grotten
sind mit Fresken ausgeschmückt und mit kleinen und grösseren Statuen der
buddhistischen Tradition bestückt. Meistens sind diese direkt aus dem weichen
Stein herausgehauen oder mit einer speziellen Technik aus Holz, Stroh und Ton
geformt. Imposant ist eine grosse Buddha Statue, die aber sicher restauriert
wurde. So stellen wir uns die von den Taliban zerstörten Statuen von Bamian in
Afghanistan vor. Eine weitere wunderschöne liegende Buddha-Figur im Schlaf
durften wir leider nicht abbilden. Diese wurde vor dem Aufstauen des Sees en
bloc in sichere Höhe transferiert und dafür eigens ein kleiner Tempel
errichtet.
Xiahe liegt am Rande der tibetischen Hochebene auf 3'000 m.
ü. M. und ist schon stark von der tibetischen Kultur geprägt. Um 1700 unserer
Zeitrechnung wurde in dieser Ortschaft an einem Zweig der Seidenstrasse ein
Lamatempel errichtet, welcher sich rasch zu einem der wichtigsten religiösen
Zentren des tibetischen Buddhismus entwickelte und in den Spitzenzeiten über
3'000 Mönche beherbergte. Nach den Revolutionswirren hat sich die Gemeinschaft
wieder erholt und das Kloster ist als Schule und Pilgerort wieder sehr beliebt.
Sie gilt auch als Zentrum der Ausbildung in tibetischer Medizin. Die Zahl der
Mönche ist allerdings durch den chinesischen Staat auf 1'200 beschränkt. Diese
sind in den Strassen mit ihren dunkelroten Gewändern allgegenwärtig, wobei die Handys
auch bei ihnen nicht fehlen dürfen. Wir hatten eine interessante Führung durch
einen Mönch, der seit Kindesalter in diesem Kloster lebt und voll in der
religiösen Gedankenwelt des Buddhismus aufgegangen ist. Entsprechend war die
Führung eher eine Lektion in buddhistischer Philosophie – der Lehrer stellt nur
Fragen und gibt nie die Antwort, diese muss der Schüler selber rausfinden -,
aber gerade deshalb besonders interessant. Zur Erheiterung: in den vielen
Souvenirläden gibt es neben dem üblichen Ramsch (alles made in China) wegen der
Höhe auch Sauerstoffflaschen zu kaufen.
Badain Jaran (Wüste Gobi) 18.7.2018
Heute hat es nur kurz geregnet, aber immerhin konnte ich die
Wüste mit weiterem Wasser beglücken! Unterdessen stürmt es stark und wir sind
glücklich, vom wunderbaren Ausflug mit Geländefahrzeugen in den Dünen der Wüste
Gobi zurückgekehrt zu sein. Der Ausflug startete schon um fünf Uhr, damit wir
rechtzeitig bei Sonnenaufgang in den Dünen waren, wo wir auch frühstückten.
Dieser war entsprechend spektakulär, mit allen Farben über und im Sandmeer,
welches sich in unendliche Weiten ausbreitet. Ebenso grandios war die Fahrt mit
den geübten Chauffeuren durch und über die Dünen. Die Fahrzeuge kamen oft in
bedenkliche Seitenlage oder blieben beinahe in den Kämmen stecken, um sich dann
über steile Abhänge zu stürzen und in wilden Kurven wieder ins Gleichgewicht zu
bringen. Wirklich ein einmaliges Erlebnis über 180 km in der unberührten
Wildnis!
Die mitgesendeten Bilder stammen von den weiteren
Etappenorten seit Dunhuang. Jiayuguan entstand vor etwa 2'000 Jahren als
wichtige Festung am westlichen Ende der Grossen Mauer. Diese erstreckt sich
entlang der Nordgrenzen des historischen China bis zur Mandschurei und wurde in
verschiedenen Etappen nicht immer zusammenhängend gebaut. Es geht auch das
Märchen um, dass man sie als einziges Bauwerk vom Mond aus sehen könne, was
natürlich Unsinn ist. Sie diente der Abwehr nordischer Reitervölker, welche
immer wieder die reichen Städte Chinas, nicht zuletzt jene entlang der
Seidenstrasse, angriffen und ausraubten. Gegen die Mongolen war sie allerdings
wirkungslos. Um 1215 eroberte Dschingis Khan China. Seine Nachfolger bildeten
eine neue Dynastie, welche aber weitgehend die Sitten des eroberten Landes
übernahmen und auch anders als die übrigen Mongolenstämme nicht zum Islam
übertraten. Der nächste Etappenort befand sich am Fusse des Qinlian Shan in der
Nähe von Zhanye in einem touristisch nach chinesischer megalomaner Art
inszenierten Geopark. Dieser befindet sich noch im Aufbau, aber schon jetzt
ergiessen sich die Touristenströme in Massen und werden gekonnt durch die
imposanten und mit vielen Farben prangenden Schluchten geschleust. Das Gedränge
war schon in der Nebensaison erheblich und gab einen Vorgeschmack auf die
Zustände an den chinesischen Feiertagen! Nun sind wir also in Badain Jaran in der
Wüste Gobi. Gestern bestieg ich die 350 m hohe Düne neben dem Hotel. Was sich
einfach anhört, ist in Wirklichkeit sehr anstrengend, da man im weichen Sand
immer wieder einsinkt und zurückrutscht. Da hilft die angebrachte Steighilfe
auch nicht wirklich. Umso grossartiger war der Ausblick auf dem Gipfel, von dem
die gesendeten Bilder zeugen.
Morgen geht es weiter nach Lanzhou als Übernachtungsort und
am folgenden Tag zum nächsten Höhepunkt in Xiahe, dem Labrang – Kloster. Am
kommenden Montag ist dann bereits Xi’An mit der Terracotta – Armee auf dem
Programm. So nähern wir uns in grossen Schritten Beijing, das im Moment in den
Wasserfluten versinkt. Es habe gemäss Sämi seit 10 Jahren nicht mehr so stark
geregnet. Offenbar könnte die Schweiz etwas von diesem Regen gebrauchen!
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